Die Story einer Regenhochzeit.

Grundsätzlich finde ich es nicht schlimm, wenn  eine Hochzeit eine Regenhochzeit ist. Freilich-wenn man es sich wünschen könnte, würde man tolles Wetter bevorzugen. Aus Fotografensicht wäre das strahlend blauer Himmel mit zwei Drittel schönen Cumuluswolken aus denen es nicht regnet. Und zum Abend hin dürfen die dann wegziehen.
Aber man kann es nicht bestellen und man kann sich nicht danach richten. Deshalb muss man das Wetter nehmen, wie es kommt. Regenhochzeit hin oder her.
Meistens haben wir Glück und es regnet nicht. Oder nur wenig. An eine wirklich verregnete Hochzeit erinnere ich mich aber gut:

Ein traumhaft hübsches, sympatisches, liebes Paar war bei uns zur Vorbesprechung. Mir ist immer ganz wichtig, hierbei nach den Wünschen zu fragen und was ihnen besonders wichtig ist. Die Braut erzählte mir mit glänzenden Augen, dass es ihr Wunsch wäre, ein Gruppenfoto mit allen Gästen (es waren so etwas 200) vor der Villa Villette in Cham zu haben. Ich hatte ihr ein Album gezeigt, in dem ein ebensolches Bild bei traumhaften Wetter aufgenommen abgebildet war. (ihr könnt es in der Galerie „Männerhochzeit Cham“ ansehen).
Genau an diesem Hochzeitstag meinte es Petrus nicht gut mit uns. Es regnete ab Ende der Trauung Bindfäden! Pausenlos goss es wie aus Eimern. Weil der Apero im Freien geplant war, suchten alle Gäste Schutz unter grossen, gelben Sonnenschirmen. Gelbe Sonnenschirme geben gelbe Gesichter, wenn man darunter fotografiert wird. Eine echte Herausforderung für jeden Fotografen.

Meine Braut war sehr ruhig und machte das Beste daraus.

Bei der Trauung, später bei den Momenten die viele sicher zu Tränen rühren würden: meine Braut war gefasst. Kein Tränchen, keine grosses Gefühlsausbrüche-eine klare, starke Frau.
Das darf sein und es war gut. Menschen sind verschieden. Das liebe ich.

Trotz des Regens war sie eine strahlende, glückliche Braut, aber mir tat es unsagbar leid, dass es das Wetter den ganzen Tag nicht erlaubte, das Gruppenfoto so zu machen wie das Paar es sich gewünscht hatte.

Für das abendliche Fest mit den geladenen Gästen hat mein Paar sich den Heuboden in Hünenberg ausgesucht. Eine gern besuchte Hochzeitslocation mitten im Wald, wo man niemanden stört und feiern kann bis zum Morgen.
Dort wünschten sie sich eine Diashow mit einigen Fotos vom Tag.

Nach unserer offiziell gebuchten Zeit setzten wir uns in einen Raum neben der Küche. Wenn Diashows gebucht sind, muss es immer schnell gehen. Innerhalb kurzer Zeit müssen zunächst die Daten des Tages gesichert werden. Eine schnelle Bildauswahl von ca. 40 Fotos soll einen fotografischen Querschnitt der Ereignisse des Tages wiedergeben.
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Diese Fotos werden dann „quick and dirty“ bearbeitet, damit sie noch am selben Abend vor Ort dem Brautpaar und des Gästen gezeigt werden können.
Wir haben jeweils unseren leistungsstarken Beamer dabei und zeigen die Fotos als Programmpunkt oder nebenbei.
Für uns selbst ist das immer der spannendste Moment des Tages. Es fühlt sich in etwa so an, wie ein Schauspieler in den Sekunden vor dem Premierenapplaus, in denen er nicht weiss, ob das Publikum die Darbietung gut fand oder nicht. Um ehrlich zu sein habe ich nach all den Jahren Berufserfahrung immer noch Lampenfieber.

An jenem Abend der Regenhochzeit bat ich den DJ, uns für die Diashow „Photograph“ von Ed Sheeran einzuspielen.
Die Gastgeber vom Heuboden dunkelten das Licht ab und das Zelt war nur noch mit Kerzen beleuchtet.

Die Diashow begann zu den ersten Takten der Musik.

Da ich die Fotos ja dann schon kenne, beobachte ich in diesen Minuten immer die Gäste. Blicke verraten so viel und ich freue mich ganz gerne an diesen Momenten.
Da es so dunkel war, konnte ich diesmal die Gesichter und den Ausdruck aber nicht wirklich erkennen. Ich wurde etwas unruhig. Gefällt nun unser Werk, oder nicht?
Gegen Ende des ersten Durchlaufs der Diashow wurde das Licht etwas heller gedimmt. Alle Gäste sassen immer noch still da. Kein Applaus, wie sonst, kein „Wooohooooo“ von den hinteren Reihen. Als das Licht heller wurde, erkannte ich, dass viele feuchte Augen hatten. Sie waren gerührt. Ein wunderbar glücklicher Zustand, der etwas an Ehrfurcht erinnert.

Die Braut stand von ihrem Platz auf und kam auf mich zu. Die Diashow lief bereits ein zweites mal durch.
Sie umarmte mich fest und plötzlich fing die doch den ganzen Tag so gefasste Braut laut zu weinen an.
Sie sagte „Das ist so schön! Der Tag ist einfach an uns vorbei geflogen und wir haben es gar nicht so richtig mitbekommen! Und jetzt ist mir unsere Hochzeit zum ersten mal wirklich bewusst geworden. Danke, danke, danke, dass ihr sie für uns festgehalten habt.“

Wir lagen uns in den Armen und auch ich war unglaublich glücklich. Auch Regenhochzeit kann gut enden!

Gibt es eigentlich schöneres Kompliment für eine Fotografin, als Menschen mit Fotos so zu berühren?

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